Mit „Fear Of A Blank Planet“ veröffentlichen PORCUPINE TREE ihr mittlerweile neuntes Studioalbum. Für die Europadistribution ist jetzt allerdings das Label Roadrunner verantwortlich – in den USA kommt die Platte wie gehabt bei Atlantic raus. Am Rande es Southside Festivals stand uns Mastermind Steven Wilson für ein paar Fragen zur Verfügung:
Hey Steven! Ihr habt euren Gig auf dem Southside Festival vor ein paar Minuten beendet. War das ein spezielles Festivalset oder habt ihr einfach ein paar Stücke aus eurem regulären Liveset weggelassen?
Nein, wir haben ein spezielles Set gespielt. Bei einer normalen Show spielen wir mehr ruhigere Songs, aber bei so einem Festival wollten wir die Energie und auch die Lautstärke oben halten. Wir haben heute mehr ein rock-orientiertes Set gespielt.
Ich hab „Trains“ vermisst …
Wir spielen den Song nicht immer…
Ich ging davon aus, dass „Trains“ zum festen Bestandteil einer PORCUPINE TREE Show gehört?
Tat es auch. Aber das wird langweilig für uns. Wir spielen ihn ab und an mal, wollen aber nicht in die Situation kommen, dass ein Song zu einem „Stairway To Heaven“ mutiert, den man auf jeder Show spielen muss. Ich möchte nie in so eine Zwickmühle kommen.
Ich hab das Gefühl, dass Leute, die heute zum ersten Mal PORCUPINE TREE gesehen haben, durch die neuen, langen Stücke vielleicht nicht so einen guten Zugang bekommen könnten.
Naja, wir haben heute z.B. auch „Blackest Eyes“ oder „Halo“ gespielt – also auch eingängige Nummern. Ich will den Leuten, die sich heute unsere Show angesehen haben, keinen falschen Eindruck von PORCUPINE TREE geben. Daher haben wir sowohl lange, als auch kurze Stücke gespielt, so hat man einen besseren Gesamteindruck von der Band. Ich glaub die Zuschauer, gerade die jungen, haben mehr Geduld, als man meint. Gerade wenn man sich zum Beispiel auch Bands wie THE MARS VOLTA oder TOOL ansieht, das sind bei weitem keinen einfachen Bands, die man sich so mal eben anhören kann. SIGUR ROS wäre auch ein Beispiel – die Leute haben sehr viel Geduld, sich mit solchen Bands auseinander zusetzen, auch wenn die Medien diesen Bands eher weniger Aufmerksamkeit widmen. Daher denke ich schon, dass wir heute auf jeden Fall auch ein paar neue Fans hinzugewonnen haben.
Hast Du Dir heut schon ein paar Bands angesehen, oder wirst Du noch?
Es spielen eine Menge Bands die ich gut finde, aber bereits zuvor schon gesehen hab. Heute hab ich auch schon ein paar Bands gesehen, die ich zwar nicht kenn, aber ich will mir unbedingt noch SONIC YOUTH und PEARL JAM ansehen.
Kommen wir zu eurem neuen Album „Fear Of A Blank Planet“. Gab es einen bestimmten Moment in Deinem Leben oder einen speziellen Anlass, der den Ausschlag zu diesem Konzeptalbum gab?
Ich denke es ist ein Thema, dem nur ein sehr intensives und starkes Stück Musik gerecht wird. Es ist schwierig über etwas Bestimmtes zu sprechen, das so intensiv ist und es dann zu zerstückeln und mit anderen Themen zu mischen. Ich habe auf allen Alben Songs geschrieben, die in eine bestimmte Richtung gehen.
Es ist nicht leicht ein Thema mit ein, zwei, manchmal fünf oder sechs Songs abzuhandeln und der Sache gerecht zu werden, daher war ich diesmal sehr angetan von der Idee, dass das Album ein 50 Minuten Stück Musik wird, dass auch den Flow und die Kontinuität hat, die wir vorher nicht erreicht haben. Ich hab in den Themen auch etwas gefunden, wofür es sich wirklich lohnt drüber zu schreiben. Ich fand es war sehr inspirierend darüber zu schreiben – also auf eine negative Art und Weise, weil es halt auch eine sehr negative Angelegenheit ist, die mich sehr betroffen hat.
Ihr habt nur ein paar, dafür sehr lange Songs aufgenommen. Gehört das auch zu dem Gesamtkonzept?
Nicht wirklich. Ich setz mich nicht hin und schreib Songs mit einer bestimmten Länge. Die Songs werden so lang, wie sie sein müssen. Bei „Anesthetize“, der längsten Nummer auf dem
Album (17:42 min Anm. d. R.), hab ich erst gar nicht gemerkt wie lang der Track wirklich ist. Ich dachte erst 9-10 Minuten und war dann ein wenig geschockt. Es ist kein Album mit individuellen Songs, sondern eher als ein komplettes Stück Musik anzusehen. Es sind 6 Songs auf der Platte, aber man kann auch sagen, dass es ist eigentlich nur einer ist – oder auch 12. Je nach dem wie man die Songs für sich unterteilt. Das Album ist für mich ein ganzes Stück.
Hat die Arbeit an dem letzten BLACKFIELD Album auch Auswirkungen auf PORCUPINE TREE gehabt? Zum Beispiel, dass Du dort eine andere Seite ausleben konntest, die Du jetzt auf dem neuen Album nicht mehr berücksichtig hast?
Ich würde sagen rund 20% der Songs, die ich schreibe würden sowohl auf ein BLACKFIELD, als auch auf ein PROCUPINE TREE Album passen. Bei dem Rest ist das dann schon eindeutiger in welche Richtung es geht. Zum Beispiel „Lazarus“ vom letzten Album oder „My Ashes“ von der neuen Platte hätten auch gut zu BLACKFIELD gepasst. Ich würde sagen, dass auf einer Art BLACKFIELD gut für PORCUPINE TREE ist, denn so wird PORCUPINE TREE emanzipierter und dadurch komplexer, epischer und abstrakter. Eine bestimmte Seite meiner Persönlichkeit fließt nun in die BLACKFIELD Songs – die kurzen, weniger komplexen straight Forward Nummern. Ich find das gut, denn das neue Album ist stärker, weil eben BLACKFIELD nebenbei existieren.
Ihr habt im letzten Jahr die Songs eures neuen Albums live gespielt, bevor ihr diese überhaupt aufgenommen habt. Gab es nach diesen Konzerten teilweise Änderungen im Arrangement?
Nur bei einem Song. Den haben wir letztendlich auch gedroppt. Die anderen Songs haben wir nicht wirklich geändert. Hier und da bei Gitarrensolos oder bei den Drums etwas modifiziert, aber nur geringfügig. Wir waren von den Songs überzeugt, also blieben sie auch so.
Werdet ihr bei kommenden Veröffentlichungen ähnlich vorgehen und das neue Material erstmal live spielen?
Ja, auf jeden Fall! Uns hat das eine Menge Spaß gemacht und ich denke für die Fans war das ebenfalls eine gute Sache. Nachdem das diesmal so gut geklappt hat, werden wir es wieder machen. Wir waren nicht sicher ob das klappt, aber im Endeffekt lief es sehr gut.
Plant ihr John Wesley, euren Live Gitarristen in Zukunft mit in die Band aufzunehmen? Warum ist er nicht in der Band?
Warum sollte er?
Naja, er spielt jetzt schon fünf Jahre mit euch und war auch teilweise in die Arbeiten von „Fear Of A Blank Planet“ involviert.
Live spielt er mit uns. Er spielt die Parts, die ich live nicht spielen kann. Die Sache ist die: die Band ist eine ausgewogene, feine Mischung aus unseren vier Persönlichkeiten. Es ist jetzt nicht so, dass wir noch jemanden bräuchten. Ich brauche keinen weiteren Songwriter oder einen Gitaristen im Studio. Jedes Mitglied in der Band spielt ein anderes Instrument, also Gitarre, Keyboard, Bass und Schlagzeug. Das ist ein sehr ausgewogener Abgleich – nicht direkt in musikalischer Hinsicht, sondern eher in Bezug auf die Persönlichkeiten. Ich wüsste nicht, wieso wir noch jemanden bräuchten. Ich hab zum Beispiel alle Gitarren Parts in meinem Kopf und ich weiß dann genau was ich zu tun hab, wenn wir aufnehmen. Live ist das was anderes – ich kann nicht gleichzeitig alle Parts spielen. ….Ich kann mir nicht vorstellen jemals Wes oder irgendwen anders in der Band zu haben. Wir sind sehr glücklich mit der Band so wie sie ist.
Für Wes ist das dann also auch okay?
Ja klar – er ist ja auch ein Solokünstler und macht seine eigene Musik.
Kommen wir zu einer anderen Sache: Ich hab gelesen, dass in den letzten Jahren wohl mit der Promo in den USA einiges schief gelaufen ist. Sind PORCUPINE TREE jetzt bereit die USA zu erobern?
Es wird besser in den USA. Früher wurde dort eine jüngere Hörerschicht angesprochen, was wahrscheinlich falsch war. Wir haben aus den Fehler gelernt, die Plattenfirma hat aus den Fehler gelernt. Aber wir haben jetzt dafür in den USA mehr junge Leute im Publikum als sonst wo. Die
Plattenfirma zielte auf Teenager und hat alles andere ignoriert. Das ist lächerlich, da PORCUPINE TREE Fans normalerweise eher aus der Schicht der 20- oder 30jährigen kommen. Wir haben mittlerweile eine gute Balance und wir versuchen nach wie vor auch jüngere Leute zu erreichen. Man muss auch dazu sagen, Atlantic hatte vorher noch nie so eine Band wie uns im Raster. Die haben Avril Lavigne und so Bands, die auf MTV und im Radio laufen. Dann hatten sie eine Band im Alter von 30-40, die ein Album herausbrachte und keiner interessierte sich wirklich für mich, bzw. es gab nicht diese Celebrity usw. Das war schwierig, aber wir sind immer noch bei Atlantic in den USA, das dritte oder vierte Album und es wird von Mal zu Mal besser. Sie haben aus ihren Fehlern gelernt…
Meint ihr in Europa mit Roadrunner, also einem traditionellen Metal und Hardrock Label klappt das besser?
Naja, die größte Roadrunner Band ist NICKELBACK …
Ja gut, aber auf der anderen Seite hätten wir da auch Bands wie MACHINE HEAD, SOULFLY, SLIPKNOT oder STONE SOUR…
NICKELBACK, DRESDEN DOLLS, DREAM THEATER, KHOMA
(resignierend)
Ok, du hast Recht, es ist auf eine Weise schon ein Metallabel, aber sie sind bemüht auch Nicht-Metal-Bands , die auch in Richtung Mainstream gehen aufzunehmen. Bei Labels wie Nuclear Blast oder Century Media wäre ich schon beunruhigt, aber Roadrunner haben bewiesen, dass es auch mit Nicht-Metal Bands klappt. NICKELBACK, NEW YORK DOLLS, DRESDEN DOLLS, KHOMA … die können dort auch vermarktet werden. Das war genau das, wonach wir gesucht haben. Dort sind auch mittlerweile mehr Crossover Bands, als Metal und ich denke nicht, dass wir dort vollkommen fehl am Platze sind. Meine Freunde von OPETH sind auch auf dem Label, also haben wir da eine gewissen familiäre Bindung an Roadrunner. Ich bin sehr zufrieden mit dem Label. Wir sind immerhin auf Platz 20 der deutschen Charts gekommen. Das hat Atlantic nicht geschafft.
Wo wir bei den familiären Bindungen und OPETH sind. Du planst ein Projekt zusammen mit Mike Portnoy (DREAM THEATER) und …
Mikael von OPETH und Mike Portnoy, genau
Gibt es da schon irgendwas, was du uns darüber berichten könntest?
Nicht wirklich. Wir haben noch nicht viel gemacht bislang. Mikael Åkerfeldt und ich haben ein bisschen Material zusammen. Ich kann soviel sagen: es wird härter als PORCUPINE TREE aber nicht so hart wie OPETH. Irgendwo in der Mitte wird’s liegen. Es ist schwierig einen Zeitpunkt zu finden, an dem wir alle Frei haben, da Mike Portnoy ja jetzt auch dabei ist und wir mit PORCUPINE TREE und er mit DREAM THEATER gerade ein Album veröffentlicht hat. Mikael arbeitet an einem neuen OPETH Album … Ich hoffe, dass wir irgendwann die Zeit finden werden, aber ich kann dir nicht sagen wann …
Gibt es schon einen Namen für das Projekt?
Nein, noch nicht.
Was steht ansonsten noch bei dir an? Ich hab gelesen, du würdest auch gern mal mit Trent Reznor von den NINE INCH NAILS oder mit MESHUGGAH zusammen arbeiten…
Das sind meine absoluten Favoriten. Trent und MESHUGGAH haben mich in den letzten fünf Jahren mehr beeinflusst als alles andere. Mit ihnen arbeiten? Ich würde mich sehr geehrt fühlen, wenn ich gefragt werden würde, aber auf der anderen Seite wüsste ich nicht was ich tun sollte, da beide Bands nahezu perfekt sind.
Ich hab gelesen, dass du einen Award für den 5.1. Mix des letzten Albums gewonnen hast …
Sogar für die letzten beiden – „Deadwing“ und „In Absenthia“.
Ist es der Ansporn den Fans das bestmögliche Produkt mit diesem 5.1. Mix abzuliefern?
Ich will einfach nur meine Musik im bestmöglichen Format hören. Bei PORCUPINE TREE passiert eine Menge in den verschiedenen Ebenen der Produktion. Die Musik an und für sich ist nicht sonderlich komplex. Das Komplexe kommt mit den Sounds und verschiedenen Strukturen. Diese gehen dann manchmal auch verloren, daher ist es nett, wenn man mit Surround Sound arbeiten kann. Ich
genieße es meine Musik mit so einem Sound zu hören. Es gibt mittlerweile eine Menge Leute, die Musik auf die Art und Weise hören. Viele Menschen haben ein Home-Cinema Center, wieso also dann nicht auch Musik damit hören? Viele sind sich über die Möglichkeiten nicht bewusst. Ich liebe es einfach.
Wird es für „Fear Of A Blank Planet“ auch einen 5.1. Mix geben?
Es ist schon ein Mix in einer streng limitierten Version herausgekommen. Es wird aber später, im Oktober, noch mal neu veröffentlicht. Wir werden dann auch noch mal auf Tour gehen. Von dem Album wird es dann auch zusätzlich noch eine Vinyl Edition geben.
Gut, dann wären wir auch am Ende. Vielen Dank für das Interview – die letzten Worte sind deine:
Wir möchten uns bei unseren Fans für den tollen Support im Zuge der Albumveröffentlichung bedanken, wir wissen das echt zu schätzen. Die Leute die uns noch nicht kennen: Vielleicht schaut ihr euch ja mal unsere Show auf einem Festival an oder ihr kommt zu einem Konzert, wenn wir auf Tour kommen. Da gibt es dann auch wieder die volle Multimedia-Experience mit Videos, Musik, Lights and Sounds.